„Komfort-Funktion Vorspulen“ und andere Augenwischerei

Haben Sie zuhause noch einen alten VHS- oder Festplatten-Rekorder, mit dem Sie Fernsehsendungen aufzeichnen? Wenn ja, gehören Sie zu einer Gruppe von Menschen, die immer kleiner wird.

Online-Mediatheken, Hbb-Fernsehen am Smart-TV und YouTube haben längst dafür gesorgt, dass das Aufzeichnen von Live-Fernsehen nicht mehr nötig ist, weil die meisten Sendungen nach Ausstrahlung zumindest für eine Woche weiterhin abrufbar sind. Praktisch.

Doch wer zuhause gerne Kinofilme ansieht, der wird diese so gut wie nie in ebendiesen Mediatheken finden. Grund dafür sind fehlende Verwertungsrechte der ausstrahlenden Sender. Der Zuschauer, der einen Film verpasst hat, soll diesen schließlich gefälligst auf DVD oder in einer kostenpflichtigen Onlinevideothek kaufen. So wollen es die Verleiher.

Der unmündige Konsument

Der Unterhaltungsindustrie ist es natürlich auch zuwider, dass es noch immer (sogar digitale) Aufzeichnungsgeräte gibt. Besonders betroffen von den Launen der Geschäftemacher sind die Kunden der großen Kabelnetzbetreiber,  die in den meisten Fällen bei Vertragsabschluss  gleich noch die zickige Hardware aufgebrummt bekommen.

Das Gerät, das Kabel Deutschland, Kabel BW und Konsorten dem Kunden nach Hause schickt, behandelt diesen zusehends wie einen unmündigen Konsumenten. Denn es ist oft so restriktiv programmiert und manipuliert, wie die Verleihfirmen es eben wünschen. Und die mögen bekanntermaßen keine Menschen, die alles mitschneiden und womöglich noch archivieren.

Das Aufnehmen von HD-Sendungen zum Beispiel ist im Jahr 2014 in den meisten Fällen schlicht nicht mehr möglich. Bei Tele Columbus zum Beispiel heißt es zur Begründung kurz – und etwas vorbeiformuliert:

Die großen privaten Sender untersagen das Überspringen der Werbung bei aufgezeichneten HD-Sendungen.

Man sei jedoch „derzeit dabei, eine entsprechende Software in Abstimmung mit den Sendern zu entwickeln, die die Aufnahme ermöglicht.“ Auf diese kann man wohl noch lange warten. Bis zu diesem Zeitpunkt empfiehlt das Unternehmen, „die zeitgleiche Sendung der SD-Sender aufzuzeichnen bzw. zu programmieren“.

Aufnehmen und Spulen? Wo denken Sie hin?

Neben dem Aufnehmen ist auch das Spulen innerhalb von Sendungen längst nicht mehr selbstverständlich: Neulich erst hatte Witzbold Mario Barth Negativpresse erhalten, weil seine Sendungen auf der Video-on-Demand-Plattform RTLnow auf seinen expliziten Wunsch nicht mit einer Vor- oder Zurückspulfunktion ausgestattet sind. Sucht man ein bestimmtes niveaufreies Späßchen, muss man sich folglich stets durch die komplette Show quälen. Ein Schicksal, das man nun wirklich niemandem wünscht.

„Komfortfunktion Vorspulen“

Ähnlich dreist wie Bart verhält sich die Plattform HD+. Diese bekommt Geld von all jenen Menschen, die Satellitenfernsehen nutzen und die privaten Fernsehsender hochauflösend sehen möchten. Für eine Pressemitteilung hat man in München offensichtlich nach dem berühmten Mehrwert gesucht, der die geplante Preiserhöhung des Angebots ab Mai rechtfertigen kann.

Gekommen ist man auf „gestiegene operative Kosten“,  „den Ausbau des Sender­angebotes“, aber eben auch auf die sogenannte „Komfortfunktion Vorspulen“: „Bei ausgewählten Sendern“ stehe einem dieses tolle Feature zur Verfügung, heißt es:

In aufgenommenen Sendungen und Filmen bei den Sendern SAT.1 HD, ProSieben HD, kabel eins HD, sixx HD und ProSieben MAXX HD kann dann beispiels­weise Werbung über­sprungen werden, indem einfach vorgespult wird.

Einfach vorspulen. Unglaublich. Das, was dank VHS-Rekordern und den digitalen Pendants seit 30 Jahren möglich war, wird nun, im digitalen Zeitalter, als „Komfortfunktion“ verkauft. Aber Halt, zu früh gefreut: Selbstverständlich ist das Spulen nur dann möglich, wenn man einen der „ausgewählten Receiver mit dem HD+-Symbol“ besitzt. Viele Geräte von Drittanbietern sind also tabu.

Und somit dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis man seinen Fernsehanbieter am Abend von der Couch aus telefonisch kontaktieren muss, um einen Film kurz pausieren zu können. Weniger umständlich freilich wäre die Buchung der Komfortfunktion „Pause & Eat“, die mit 5 Euro pro Monat gelistet ist. Schickes Feature!