Spielfilm "Rekruten des Todes"

Nach den Pariser Anschlägen: Zensiert sich das Fernsehen selbst?

Hinweis: Dieser Beitrag ist ein Meinungsbeitrag. Er soll zum Nachdenken anregen und erhebt ausdrücklich nicht den Anspruch, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben. Er entstand aus der Überzeugung heraus, dass hinsichtlich der Thematik, wie politische Ereignisse die Programmpolitik der deutschen Medien beeinflussen, in unserer demokratischen Gesellschaft zu wenig diskutiert wird.

Ich muss zugeben, ich bin dieser Tage etwas irritiert. Die schlimmen Anschläge in Paris haben auch dafür gesorgt, dass viele Dinge nicht wie gewohnt laufen (wen wundert es?). Seit Tagen höre ich in Talkshows, dass es gerade jetzt wichtig sei, so weiterzumachen wie bisher. Ja, man dürfe den Terroristen keinen Zentimeter Raum lassen in unserer freien Gesellschaft.

Das hört sich konsequent an und die Idee dahinter ist wohl zweifellos eine gute. Trotzdem klingt es manchmal eher wie das Pfeifen im Wald, wenn so mancher Politiker seine Sicht der Dinge kundtut.

Abgesehen von der sehr um lautstark kommunizierte Ideale herummoderierten politischen Diskussion kann ich allerdings auch beobachten, dass in einigen Bereichen sehr wohl Dinge verändert werden, die ohne die Terroranschläge wohl wie gehabt geblieben wären. Da ich mich als Kommunikationswissenschaftler und Journalist mit Medien befasse, möchte ich hier zwei mediale Beispiele nennen, aus dem Fernsehen:

„Aus Respekt vor den Opfern“

Vor einigen Tagen wurde bekannt, dass die ARD den Doppel-„-Tatort“ mit Til Schweiger nicht ab dem 22. November abends zur gewohnten Sendezeit ausstrahlt, sondern irgendwann später, wohl erst im kommenden Jahr. Frank Beckmann, Programmdirektor Fernsehen vom Norddeutschen Rundfunk (NDR), liefert dazu folgende Begründung:

Aus Respekt vor den Opfern der grausamen Anschläge von Paris haben wir die Premiere der „Tatorte“ mit Til Schweiger auf das kommende Jahr geschoben. Es passt einfach nicht in diese Wochen, eine Krimireihe zu zeigen, in der es auch um einen terroristischen Angriff geht.

Das kann man akzeptieren, was ich auch tue – und ich finde die Argumentation (völlig wertneutral:) interessant. Gerade weil sie eben (vielleicht auch nur scheinbar und völlig unbewusst) mit dem geradezu sakrosankten Mantra der Westlichen Welt zu brechen scheint, dass wir uns von derartigen Anschlägen in keinster Weise beeinflussen lassen (sollen).

Die Formulierung „passt einfach nicht“, die Beckmann wählte, war im Eifer des Gefechts vielleicht nicht genau überlegt. Falls doch, legt sie zumindest nahe, dass rationale Argumente an dieser Seite einer Meinung Platz machen müssen, einem Gefühl. Wer mit „passt einfach nicht“ argumentiert, begibt sich auf eine Ebene, auf der man für rationale Argumente in der Regel nicht mehr zugänglich ist. „Wir haben das jetzt so entschieden, fertig, aus“, könnte man da beifügen. Und man merkt als Beobachter in solchen Situationen dann schnell, dass derjenigen Seite, die so argumentiert, die Argumente ausgegangen sind (oder dass so manche Argumente, vielleicht aus gutem, ehrenwerten Grund, nicht bemüht werden sollen).

An den Jahrestagen von 9/11 zeigt das Fernsehen regelmäßig fiktionale Stoffe, die sich mit dem Terroranschlag auf das World Trade Center befassen. Bezogen auf die aktuell getroffene Entscheidung des NDR würde dies (weiter gedacht) bedeuten: Die Tage und Wochen nach dem Terroranschlag müssen thematisch ähnliche fiktionale Stoffe aus dem Programm genommen werden, ein Jahr später ist das kein Problem. Diese Argumentation ist schwierig, finde ich. Weil sie nicht konsequent ist.

Til Schweiger: „Nicht von Terroristen diktieren lassen“

Zurück auf der politischen Ebene. Hier hat sich Til Schweiger geäußert, und zwar gegenüber der „Bild“:

Ich persönlich bin völlig entsetzt darüber, was in Paris passiert ist. Es ist so furchtbar. Aber wir sollten uns nicht von Terroristen diktieren lassen, was wir im Fernsehen zeigen sollten. Dann können wir ja bald nur noch ein Testbild senden.

Natürlich hat Schweiger ein Interesse daran, dass seine Filme endlich gezeigt werden, dennoch bleibt, dass die Programmchefs hier Entscheidungen treffen, auf die der Zuschauer keinen Einfluss hat und die dennoch – es ist der populäre „Tatort“, der entfällt – einen Großteil der fernsehenden deutschen Gesellschaft betreffen. „Respekt vor den Opfern“, wie der Programmchef argumentiert, ist natürlich per se stets etwas Gutes. Aber er argumentiert hier am eigentlichen Thema vorbei, wie ich versucht habe zu erklären.

WDR kippt Spielfilm

Spielfilm "Rekruten des Todes"

Ein anderes Beispiel: Auch der Westdeutsche Rundfunk (WDR) hat gestern einen französischen Spielfilm aus dem Jahr 2008 aus dem Programm gekippt: „Rekruten des Todes“ (Secret Défense) heißt er, und er handelt unter anderem von einem französischen Kleinkriminellen, der „nach einer religiösen Gehirnwäsche und der Ausbildung in einem Terrorcamp in Paris einen Selbstmordanschlag verüben soll“. Eine inhaltliche Nähe zu den Anschlägen vom vergangenen Wochenende ist hier – im Gegensatz zum Schweiger-„Tatort“ – also unübersehbar. Darf oder sollte das für die Entscheidung der Programmverantwortlichen eine Rolle spielen?

Um diese Frage zu beantworten, ist es natürlich wichtig, sich mit dem Inhalt des Films zu beschäftigen und sich zu vergewissern, dass es sich bei „Rekruten des Todes“ nicht etwa um ein reißerisches, womöglich nur auf Action fokussiertes Machwerk handelt, sondern eben um einen ernstzunehmenden, differenziert betrachtenden Film, etwas übertrieben könnte man sagen: um eine mit den Mitteln der Fiktion aufbereitete Dokumentation, die die Entwicklung einer Person zum Terroristen dokumentiert.

In der Zusammenfassung des Films auf der Website heißt es diesbezüglich:

Mit einem hohen Maß an Realismus schildert Philippe Haïms Thriller die Arbeit des französischen Auslandsgeheimdienstes DGSE (Direction Générale de la Sécurité Extérieure). Nicht umsonst standen mehrere Geheimdienstexperten dem Filmteam als Berater zur Seite. Zugleich zeigt der Regisseur die Tricks, mit denen islamistische Terroristen orientierungslose junge Männer als Attentäter anwerben. Dabei wird die Menschenverachtung der Terroristen ebenso wenig ausgespart, wie die schmutzigen Methoden der Staatsdiener. Der Film bietet keine simplen Lösungen für das moralische Dilemma. Er legt Fakten und Methoden dar und überlässt es dem Zuschauer, sich ein eigenes Urteil zu bilden.

Auf Anfrage lässt der WDR mich per Twitter wissen:

Reaktion von WDR Presse. Quelle: https://twitter.com/WDR_Presse/status/666936908027555840
Reaktion von WDR Presse. Quelle: https://twitter.com/WDR_Presse/status/666936908027555840

Wenn man die Frage, ob es zu dieser Zeit angebracht ist, einen solchen Film zu zeigen, erneut zur Geschmacksfrage erklärt, wie der WDR es mit seiner Sprachregelung tut, wehrt man eine (inhaltliche) Diskussion ab. Gleichzeitig erwartet man implizit Verständnis von Dritten für die getroffene Entscheidung (Wer würde den Opfern Respekt absprechen wollen?), ja drängt Kritiker geradezu in die Defensive. Böse könnte man sagen: Gegen die Moralkeule kann niemand ankommen.

Grundsätzlich muss man sich jetzt fragen: Sind es nicht ebendiese Stoffe und Thematiken, die derzeit (völlig wertneutral formuliert:) interessieren und mit denen man sich als mündiger Bürger (gerade jetzt) auseinandersetzen sollte? Noch einmal: Im angesprochenen französischen Spielfilm wird, wie oben zitiert, „die Menschenverachtung der Terroristen ebenso wenig ausgespart, wie die schmutzigen Methoden der Staatsdiener“.

Ich bin der Meinung, dass jeder, der bereits im Akt der Ausstrahlung eines solchen Films Respekt gegenüber Opfern vermissen lässt, die Wahl hat, den Sender zu wechseln. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass kaum jemand das tun würde.

Die Programmverantwortlichen ihrerseits sollten nicht darüber entscheiden, was respektvoll ist – und was nicht. Dem Zuschauer muss die Wahl bleiben. Er ist mündig und frei in seiner Medienauswahl.

Ich habe die ARD um die Beantwortung einiger Fragen zum Thema gebeten. Nach einer Rückmeldung der Pressestelle steht die eigentliche Stellungnahme noch aus und wird an dieser Stelle natürlich nachgereicht, sobald sie einlangt.

Antworten der ARD eingetroffen

Update, 19.11.2015, 11:59 Uhr: Die ARD hat meine Fragen beantwortet.